Sonntag, 26. Juni 2011. Es ist gerade mal 04:00 Uhr, als ich mich in unserem Hotel Comté de Nice zum Frühstück begebe. Ich bin heute der erste im Frühstücksraum. Auf dem Speiseplan stehen einige Stück frisches Baguette, Kaffee, Orangensaft und zwei saftige Kiwis. Während ich frühstücke, trifft ein junger Engländer ein, der ebenfalls beim Ironman Nizza starten möchte. Er bekommt von seinem Frühstück kaum etwas herunter und verlässt den Tisch, ohne richtig gegessen zu haben. “Ich lasse mir Zeit!”, denke ich mir und schmiere mir noch ein Nutella-Baguette. Nach einer halben Stunde habe ich in Ruhe gefrühstückt und fühle mich fit für den vor mir liegenden langen Sporttag.
Um 04:45 Uhr spazieren wir vom Hotel die 1,5 Km bis zum Bike-Park. In umgekehrter Richtung begegnen uns die letzten Nachtschwärmer, die bis zum Morgen in einer der zahlreichen Bars ausgehalten haben. Für mich ist völlg klar, wem es im Moment besser geht … mir natürlich, denn ich habe seit 6 Wochen keinen Schluck Alkohol getrunken! Gestern habe ich während des Radcheckin den Reifendruck verringert, weil es sehr heiß war und ich keinen Schlauchplatzer riskieren wollte. Heute pumpe ich auf etwa 6,5 bar, weil durch die zu erwartende Hitze der Reifendruck sicher auf über 7 bar steigen wird. Ich bringe meine Radflaschen an und schon sind auch die letzten Vorbereitungen am Rad erledigt.
Als es 05:00 Uhr ist, esse ich das letzte Gel, trinke noch ein wenig, verabschiede mich von Gitta und begebe mich in den Startbereich. Als Startzone habe ich mir die Schwimmer mit einer zu erwartenden Endzeit von 1:15 ausgesucht. Ich schwimme mich noch etwa 10 Minuten ein und fühle mich ziemlich relaxed und unaufgeregt. Als die Schwimmer für den Start aus dem Wasser gerufen werden, reihe ich mich in meinem Startbereich ziemlich vorne ein. Jetzt sind es nur noch 5 Minuten bis zum Start, und ich freue mich, dabei sein dürfen. Aus den Lautsprechern tönt es “Put your hands up in the air!” und alle Athleten um mich herum machen mit. Bei mir herrscht eine sehr freudige Stimmung, während kurz vor dem Start die Sonne langsam aufgeht und das Meer in ein herrliches Licht taucht.
Pünktlich um 06:30 Uhr erfolgt das Startsignal. Ich bin sehr schnell im Wasser und fühle mich von Beginn an wie in einer Waschmaschine. Bis zur ersten Boje bei etwa 600m ist an ein technisch sauberes Kraulschwimmen überhaupt nicht zu denken. Ständig muss ich die vom Training gewohnte normale Kraullage verlassen, mich umorientieren, an langsameren Schwimmern vorbeischwimmen, Tritte und Stöße einfangen, mir Platz mit den Armen und Beinen schaffen und schauen, trotzdem möglichst flott voran zu kommen. Mir wird sehr schnell klar, dass dieses Schwimmen kein Zuckerschlecken werden wird, zumal das Gedränge auch nach der ersten Boje einfach nicht aufhören will. Irgendwann bin ich ziemlich außen angelangt und muss sicher einige Meter mehr schwimmen als vorgesehen, habe aber endlich einigermaßen Platz. Nach 2400m und dem Landgang hat sich die Sache beruhigt. Ich merke jedoch, dass ich für dieses Schwimmen bereits wesentlich mehr Energie aufbringen musste, als bei meiner letzten Langdistanz in Köln, bei der das Schwimmen auf einer Regattabahn stattfand. Die zweite Schleife von 1400m Länge bringe ich ganz in Ruhe zu Ende und steige in akzeptablen 1:17 Stunden aus dem Wasser (Köln: 1:09). Schön ist es, Gitta zu sehen, die beim Ausstieg auf mich wartet. Sie möchte wissen, ob alles in Ordnung ist, und ich kann bestätigen, dass ich einigermaßen unbeschadet das Schwimmen überstanden habe.
Nach etwa 10 Minuten bin ich aus der Wechselzone und gehe gegen 08:00 Uhr auf die Radstrecke. Die ersten 20 Km sind flach und verlaufen am Meer entlang. Ich rolle erst einmal ganz locker los. Die erste halbe Stunde nutze ich zum Essen und Trinken, denn anschließend warten 1900 Höhenmeter, die bei 35° Lufttemperatur überwunden werden wollen. Die erste 12-prozentige Steigung nach Gattières hat es in sich. Der Puls hat sich noch nicht bei den von mir angepeilten 140-145 Schlägen pro Minute eingependelt und erreicht hier bereits sehr hohe Werte. Ich muss Tempo herausnehmen! Sehr viele Athleten, vor denen ich aus dem Wasser gestiegen bin, überholen mich. “Cool bleiben! Das eigene Tempo fahren!”, denke ich und bleibe in meinem Rhythmus.
Ein befremdliches Gefühl stellt sich nach ca. zweistündiger Bergfahrt ein: “Was ist mit meiner rechten Hand los? Ich kann nicht einmal mehr vernünftig schalten! Die Finger und die ganze Hand fühlen sich saft- und kraftlos an!” Ich weiß echt nicht, was mit mir los ist. Zum Betätigen der Schalthebel an meinem Triathlonlenker muss ich die ganze Hand einsetzen. Normalerweise reicht dafür ein Finger aus. “Das ist ja fast wie ein Schlaganfall!”, denke ich, weil meine rechte Hand fast funktionsunfähig ist. Ich fühle mich jedoch nicht schlecht und bin im Kopf völlig klar. Auch die Herzfrequenzwerte sind ganz normal. Also fahre ich weiter, als ob nichts wäre.
Plötzlich taucht vor mir ein Athlet auf, der mit nur einem Bein den Berg hinauf strampelt. Welch eine außergewöhnliche Leistung! Sie nötigt mir den allerhöchsten Respekt ab! Meine angepeilte HF von 140 Schlägen stellt sich erst nach etwa 80 Km Fahrtstrecke ein, ich kann jedoch das gefahrene Tempo bis zum Col de l’ Ecre halten und befürchte jetzt auf der Radstrecke keinen Einbruch mehr, da es nach etwa 120 Km mehr oder weniger bergab gehen wird. Die Abfahrt vom Col de l’Ecre ist gefährlich! Hochgeschwindigkeitspassagen werden unterbrochen durch enge Kurven, in denen es steil den Abhang hinunter geht. So kommt es zu zahlreichen Stürzen und Aufgaben. Die Krankentransportfahrzeuge sind ständig unterwegs, um die Unfallopfer zu versorgen. Wahrscheinlich haben sich viele bei der großen Hitze schon im Anstieg auf die 1100m überfordert, so dass sie jetzt bei der Abfahrt zu unkonzentriert agieren. Ich sage mir immer wieder: “Aufpassen! Nichts riskieren! Heil unten ankommen!” Trotzdem gibt es auch für mich noch einige brenzlige Situationen zu überstehen, als vor gefährlichen Kurven nicht gewarnt wird. Glücklich und unbeschadet komme ich jedoch unten an. Die letzten 20 Km sind nochmals flach, aber mit reichlich Gegenwind versehen. Ich lasse es nach Nizza mehr oder weniger ausrollen und bin nach einer Fahrzeit von 7:35 Stunden in der Wechselzone (Köln: 6:15). Sicher hätte ich eine halbe Stunde schneller sein können, aber zu welchem Preis?
Es ist 15:45 Uhr. Mein Marathon beginnt. Die Sonne brennt immer noch unbarmherzig vom strahlen blauen Himmel, und es weht kein Lüftchen. Die Urlauber vergnügen sich in den Cafés, am Strand und in den Fluten, während ich auf meine erste 10 Km-Runde gehe. Vorgenommen habe ich mir, zunächst einmal 2 Stunden locker zu laufen und dann zu schauen, was noch geht. Beim Herauslaufen aus der Wechselzone entdecke ich Gitta am Straßenrand. Wir hatten abgemacht, dass ich so gegen 15:30 vom Radfahren eintreffen würde, und dieser Plan war aufgegangen. Ich bestätige ihr, dass mit mir noch alles in Ordnung sei und bin froh, als ich die Menschenmassen im Start-/Zielbereich verlassen kann.
Die erste Runde führt wie die drei weiteren auch über die Promenade des Anglais am Strand entlang bis zum Flughafen und zurück. Die Sonne brennt nach wie vor unbarmherzig vom Himmel und der ziemlich rauhe Asphalt glüht regelrecht. An jeder Verpflegungsstelle gehe ich kurz und nehme abwechselnd Gel und Iso, aber gleichzeitig immer Wasser auf. Die aufgestellten Duschen nutze ich ebenfalls und kühle mich so oft es geht unter dem Wasser ab.
“Das funktioniert ja alles zunächst nach Plan! Der Marathon scheint mir ja noch ganz prima und easy von der Hand zu gehen.”, denke ich. Ich überhole sogar zahlreiche Athleten und wundere mich selbst, wie fit ich mich noch fühle. Nach der ersten Sunde habe ich fast 10 Km hinter mich gebracht, und ich beginne zu rechnen: “Wenn ich nun pro Folgerunde jeweils um etwa 5-10 Min. langsamer werde, dann lande ich bei einer Endzeit von genau 5 Stunden. Da ich ziemlich genau um 15:45 Uhr losgelaufen bin, bin ich um 20:45 Uhr im Ziel. Super! Dann kann ja nichts mehr schiefgehen!”
Mit dieser Rechnung laufe ich an Gitta vorbei und kündige mein Wiederkommen in 1:10 Stunden an. Im Laufe der zweiten Runde werden die Beine jedoch plötzlich immer schwerer, die Fußballen und Zehen beginnen zu brennen und die Hände fühlen sich mehr und mehr gefühllos an. Als ich über die Handinnenflächen streiche, werden diese fahlweiß und scheinen nicht mehr durchblutet zu sein. Ich ordne das als normale Reaktion des Körpers ein, wenn dieser versucht, vor allem die lebenswichtigen Organe zu versorgen und fühle mich ansonsten kreislaufmäßig o.k.! Beim Flughafen scheint der Wendepunkt einfach nicht näher zu kommen. Die Oberschenkel machen zu und die Fußsohlen und kleinen Zehen lösen sich langsam auf. Bei KM 15 beschließe ich, jetzt mal eine kurze Gehpause zu machen! Nach 2-3 Minuten fange ich wieder an zu laufen und erreiche den Wendepunkt bei KM 20 nach 1:30 statt der geplanten 1:10 für die zweite 10 KM-Runde.
Ich passiere noch den Wendepunkt und laufe an Gitta vorbei, um ihr anzukündigen, dass ich immer langsamer werde und dass es jetzt wohl um die 1:35 Stunden dauern wird, bis ich wieder da bin, als es dann mit dem Laufen ganz vorbei ist. Ich schaue auf die Uhr, um genau auszumachen, wie lange ich für die nächste Runde brauche und nehme diese gehend in Angriff. Ich komme nun einfach nicht mehr in Schwung und bin gehend nach 1:50 wieder am 30 KM-Wendepunkt. Bei weiteren Laufversuchen auf der letzten 10KM-Runde machen sofort die Oberschenkel zu, so dass ich auch die letzte Runde gehend hinter mich bringen muss. Nach weiteren 1:55 bin ich kurz vor dem Ziel und laufe tatsächlich noch die letzten 500m auf dem Zahnfleisch bis zur Finish-Line. Immer noch kommen mir Läufer entgegen, die noch eine ganze Runde vor sich haben und das Ziel mit Sicherheit nicht mehr vor Zielschluss erreichen werden. Sie tun mir richtig leid, denn ich kann in ihren Augen die Enttäuschung sehen. Trotzdem bringen sie auch diese letzten Kilometer noch verbissen zu Ende und nötigen mir den höchsten Respekt ab.
Der Empfang im Ziel ist überwältigend. Auch die letzten Finisher, zu denen ich heute gehöre, werden noch wie Sieger begrüßt und mit La Ola-Wellen angefeuert. Kurz vor der Ziellinie sehe ich Gitta in der Menschenmenge. Sie scheint mehr als ich selbst erleichtert zu sein, dass ich jetzt das Ziel erreicht habe. Um 22:10 Uhr nach 15:40 Stunden Wettkampfzeit höre ich nun endlich die Worte, auf die ich heute lange gewartet habe: “Udo, you are an Iron Man!” Ich kann nun endgültig keinen Schritt mehr vernünftig gehen, geschweige denn laufen. Der Kopf ist leer, die Füße haben sich aufgelöst, die Beine schmerzen, aber ich bin ein glücklicher Ironman.
Am Abend gehen wir noch mit Casper aus Stuttgart, der die Hawaii-Quali ganz knapp verpasst hat, Pizza essen. Ich bin fast nicht in der Lage, meine Pizza zu schneiden und die rechte Hand einzusetzen. Wieder denke ich an eine Art Schlaganfall oder an ein neurologisches Problem. Ringfinger und kleiner Finger der rechten Hand stehen ab und ich kann sie einfach nicht mehr zusammenführen. “Keine Ahnung, was das ist! Jetzt erst mal vernünftig ausschlafen, morgen sehen wir dann weiter!”